Ich schreibe das hier nicht von einem Gipfel aus.
Ich bin drei Mal auf der Loveparade gewesen. Sechsundneunzig, siebenundneunzig, achtundneunzig – siebzehn, achtzehn, neunzehn Jahre alt.
Es gibt kein einziges Foto davon.
Niemand hatte eine Kamera dabei; es gab ja nicht mal die Idee, dass man so etwas festhalten müsste. Diese Nächte existieren nur noch an einem Ort: in mir. Der Bass im Brustkorb. Hunderttausende Menschen, und mittendrin ein Mädchen aus Norddeutschland, das sich exakt am richtigen Platz fühlte – unbesiegbar, ohne das Wort zu benötigen.
Und dann kam das Leben.
Nicht auf einen Schlag. In Raten.
Jahre später stand ich in meiner Küche, zwischen Wäschebergen und einer To-do-Liste, die nicht mir gehörte, obwohl mein Name drüberstand. Im Radio lief einer dieser Songs von damals.
Und für die Länge des Intros war sie wieder da. Nicht die Erinnerung – sie. Dieselbe Person, dasselbe Gefühl, drei Sekunden lang.
Dann war der Song im Refrain, und ich war wieder die Frau, die gleich die Waschmaschine anstellen wollte und sich seit Jahren bei Widerspruch räusperte, statt ihn auszusprechen.
Diese drei Sekunden haben mich nicht mehr losgelassen.
Denn wenn sie wiederkommen kann – und sei es nur für drei Sekunden –, dann war sie nie weg. Dann ist sie keine Vergangenheit, sondern ein Zugang.
Ich habe angefangen, diesen Zugang systematisch zu suchen. Über die Musik. Über die alten Sätze im Kopf und die Frage, wem sie eigentlich gehören. Über Haltung und Stimme und tausend kleine Mutproben, von denen jede einzelne lächerlich klein war und die zusammen etwas verändert haben.
Was dabei herausgekommen ist, steht in meinem Buch.
Für wen ich schreibe
Für Frauen um die vierzig und aufwärts, die mit Walkman, Mixtapes und dem Sommer ’96 groß geworden sind. Die damals furchtlos waren und heute manchmal denken: Wo ist die eigentlich hin?
Für Frauen, die es leid sind, in der zweiten Reihe zu stehen, sich für ein Nein zu entschuldigen und auf Gruppenfotos nach hinten zu rutschen.
Und ausdrücklich nicht für Frauen, die jünger werden wollen. Ich will nicht zurück zu siebzehn – die Siebzehnjährige wusste nichts von Menschen, Geld und Grenzen, und ich würde mit ihr nicht tauschen wollen.
Es geht um etwas anderes: ihre Furchtlosigkeit plus meine Lebenserfahrung. Das ist die stärkste Kombination, die es gibt. Stärker als siebzehn.
Was ich nicht bin
Keine Therapeutin, keine Psychologin, kein Coach mit Zertifikat an der Wand. Ich schreibe nicht aus der Praxis, sondern aus dem Leben – meinem und dem der Frauen, mit denen ich darüber spreche.
Was ich anbiete, sind keine Behandlungen, sondern Werkzeuge. Wenn dich etwas belastet, das tiefer geht, gehört das in professionelle Hände. Das sage ich ohne Umschweife, weil es wichtig ist.
Für alles andere – für das leise Verschwinden, das keinen Namen hat und trotzdem jede Zweite kennt – ist dieser Ort hier gedacht.
Nova Frei
ist mein Autorinnenname. Ich schreibe unter Pseudonym, weil ich über Dinge schreibe, die viele Frauen betreffen, aber selten jemand ausspricht – und weil das Buch für sich stehen soll, nicht für meinen Lebenslauf.
Was zählt, steht ohnehin auf den Seiten.
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