Es gab eine Zeit, da war eine Playlist Arbeit.
Man saß vor dem Kassettenrekorder, den Finger auf zwei Tasten gleichzeitig, und wartete auf einen Song, von dem niemand wusste, wann er kommt. Vielleicht eine Stunde. Vielleicht kam er gar nicht. Und wenn er kam, drückte man einen Wimpernschlag zu spät, und die ersten Sekunden fehlten für immer.
Quatschte der Moderator ins Intro, war die Aufnahme trotzdem gut genug. Es gab ja keine zweite.
Danach schrieb man mit Kuli auf den Papierstreifen, der nie genug Platz hatte, und kürzte die Titel ab, bis nur noch man selbst sie lesen konnte.
Die Kassetten sind weg. Die Reihenfolge nicht.
Hier sind ein paar Listen. Schwerpunkt Neunziger, weil das die Jahre waren, in denen man zum ersten Mal selbst entschieden hat, was läuft. Was aus den Achtzigern hineinrutscht, lief bei den Großen. Was aus den Zweitausendern hineinrutscht, lief, als man schon selbst zahlte.
Kein Song steht hier, weil er wichtig war. Sie stehen hier, weil man beim ersten Takt weiß, wo man war.
Aufnahme läuft.
Dreh lauter · Unbesiegbar
30 Songs · Girlpower der 90er
Die Ausgangsliste. Salt-N-Pepa, Eurodance ohne Entschuldigung, und am Ende die Klassiker, bei denen jede Frau mitsingt, ob sie will oder nicht. Zusammengestellt für Momente, in denen du gleich etwas tun musst, worauf du keine Lust hast – das schwierige Telefonat, das Gespräch mit der Schulleitung, der Anruf beim Amt.
Gut für: die zehn Minuten davor.
Küchendisko
30 Songs · quer durch vier Jahrzehnte
Kein Genre, keine Epoche, kein Konzept außer einem: Bei jedem einzelnen Song bewegt sich unwillkürlich irgendein Körperteil. ABBA neben Deichkind, Aretha Franklin neben Dua Lipa. Die Liste funktioniert am besten allein, mit voller Lautstärke, während irgendetwas auf dem Herd steht.
Gut für: Abendessen kochen, ohne dabei an den Tag zu denken.
Top 30 Techno der 90er
Loveparade, Mayday, Ravehalle
Für alle, die zwischen 1995 und 1999 mindestens einmal um sechs Uhr morgens in einer Straßenbahn saßen und wussten, dass sie zu Hause nichts erklären mussten. Marusha, Scooter, Da Hool, Sonic Empire. Es gibt aus dieser Zeit fast keine Fotos, weil es keine Handys gab – die Songs sind das Einzige, was den Abend noch belegen kann.
Gut für: Wohnung putzen, Sport, lange Autofahrten.
Top 30 Eurodance der 90er
Die peinlichste Liste hier. Und die zuverlässigste.
Snap!, 2 Unlimited, Culture Beat, Haddaway, Scatman John. Jeder dieser Songs wurde irgendwann von irgendwem zum Beweis dafür erklärt, dass die 90er musikalisch nichts hergaben. Und jeder einzelne funktioniert nach zwei Takten trotzdem. Was das über Geschmacksurteile aussagt, darf sich jede selbst überlegen.
Gut für: wenn nichts anderes zieht.
Top 30 House-Klassiker der 90er
Vom Vocal House zum French Touch
Die erwachsenere Schwester der Eurodance-Liste. Robin S., Crystal Waters, M People, später Daft Punk und Stardust. Diese Songs sind gealtert wie kaum etwas anderes aus dem Jahrzehnt – man kann sie heute auflegen, ohne dass jemand die Augenbrauen hochzieht.
Gut für: Abendessen mit Gästen, Arbeiten, Sommerabende.
Top 30 HipHop der 90er
Deutsch und englisch gemischt
Die Fantastischen Vier neben Notorious B.I.G., Fettes Brot neben Wu-Tang. Die deutschen Tracks sind hier nicht die Beilage, sondern die halbe Liste – weil „Die da!?“ für viele der erste Rap-Song war, den man komplett mitsprechen konnte, ohne Englisch zu können.
Gut für: Autofahren, Selbstbewusstsein, Textsicherheit vorführen.
Top 30 Pop der 90er
Zum Tanzen und zum Mitgrölen
Spice Girls, TLC, Cher, Alanis Morissette, Die Ärzte. Boybands fehlen bewusst — die haben ihre eigene Liste. Ansonsten alles, was zwischen 1990 und 1999 im Radio lief und heute noch mindestens einen ganzen Refrain aus dir herausholt.
Gut für: Freundinnen, Küche, Vorglühen.
Boybands
Tanzen und mitsingen, keine Balladen
Backstreet Boys, *NSYNC, Take That, East 17, 5ive. Bewusst ohne die langsamen Nummern – hier geht es nicht ums Schmachten, sondern darum, dass dein Körper die Choreografie zu „Everybody“ wahrscheinlich noch kann. Probier’s aus. Es ist beunruhigend.
Gut für: Nostalgie mit Bewegung. Und für Töchter, die das nicht glauben.
Tanzflächenfüller
Vocal House und Electro der 2000er und 2010er
Für alle, deren Tanzgeschichte nicht 1999 aufgehört hat. Fedde Le Grand, Eric Prydz, Bob Sinclar, Sophie Ellis-Bextor, Stromae. Der Sound, bei dem der Fuß von allein mitgeht, bevor der Kopf entschieden hat, ob er das jetzt will.
Gut für: Wohnzimmer nach zehn, Vorbereitung auf einen Abend, an dem tatsächlich getanzt wird.
One-Hit-Wonder der 90er
Ein Treffer, dann weg
Right Said Fred, Crash Test Dummies, Lemon Tree, Kiss Me. Diese Bands sind verschwunden, ihre Songs nicht. Die Liste ist gleichzeitig ein Test: Wie viele erkennst du nach zwei Sekunden, obwohl du den Bandnamen nie wusstest?
Gut für: lange Fahrten, Spielabende, Diskussionen darüber, wer sich an was erinnert.
Filmsoundtracks der 90er
Jeder Song schaltet eine Szene wieder an
Pulp Fiction, Trainspotting, Romeo + Julia, Bodyguard, Eiskalte Engel. Songs, die untrennbar mit Bildern verbunden sind — und mit dem Kino, in dem du sie zum ersten Mal gehört hast, meistens auf einem klebrigen Boden und mit jemandem, den du längst aus den Augen verloren hast.
Gut für: Sonntagabend, Erinnern, Filmabend-Planung.
Après-Ski und Mallorca
Textsicherheit garantiert, Niveau optional
DJ Ötzi, Wolfgang Petry, Mickie Krause, Helene Fischer. Diese Liste ist nichts für zwischendurch und nichts für Kopfhörer. Sie ist für Gruppen, für später am Abend, und für den Moment, in dem die Hemmschwelle ohnehin schon unten ist. Wer sie nicht braucht, braucht sie nicht.
Gut für: Geburtstage, Gartenpartys, Silvester ab halb eins.
Wut rauslassen
Laut, schnell, kein Trost
Rage Against the Machine, Rammstein, Guano Apes, Hole, P!nk. Kein einziger Song hier will dich beruhigen, und das ist Absicht. Wut ist kein Fehler im System — sie ist Information darüber, dass eine Grenze überschritten wurde. Man muss sie nur irgendwo hinbringen, bevor sie sich jemanden sucht, der nichts dafür kann.
Gut für: nach dem Gespräch, das schiefging. Kopfhörer, Spaziergang, Volle Lautstärke.
90er-Balladen zum Heulen
Das Gegenstück zur Unbesiegbar-Liste
Sinéad O’Connor, The Cranberries, Portishead, Toni Braxton, Pur. Nicht jeder Tag will bewältigt werden. Manchmal ist es effizienter, sich für vierzig Minuten hinzusetzen, alles zuzulassen und danach weiterzumachen, als wochenlang dagegen anzuarbeiten.
Gut für: einmal richtig, statt dauernd ein bisschen.
Sonntagmorgen · Sundown
Die einzige Liste hier ohne Beat
Café del Mar, Air, Morcheeba, Massive Attack, Bonobo. Zwei Stunden, die nichts von dir wollen. Läuft im Hintergrund, ohne sich aufzudrängen, und macht trotzdem etwas mit der Temperatur eines Raumes.
Gut für: Sonntagvormittag, Kaffee, Balkon, Konzentration.
Alle Listen laufen auf Spotify und werden nachgezogen, wenn mir etwas einfällt, das gefehlt hat.
Und es fehlt immer etwas. 😉















